So gut wie Alleinerziehend


Als Mitglied der Facebook-Gruppe «Alleinerziehend Schweiz» - einer Community, welche sich mit Tipps und Tricks unterstützt, sich aber auch über Erfreuliches, Sorgen und Ängste austauscht, sind mir schon einige Male Posts von Mitglieder/-innen ins Auge gestochen, welche sich auf die Füsse getreten fühlen, weil sich Mütter aus ihrer Umgebung darüber beklagen, dass auch sie, so gut wie Alleinerziehend seien. Der Mann ist entweder das «dritte Kind» oder viel zu oft geschäftlich unterwegs, und kümmert sich zu wenig um das Familienleben. Ähm ja, ok. Was antwortet man in der offline-Welt auf eine solche Ansage?


Am besten lächeln, tief durchatmen,

weitergehen und an etwas Schönes denken.

So mach’s auf jeden Fall ich.


Aus eigener Erfahrung sage ich euch; liebe so gut wie Alleinerziehende; ihr habt nun wirklich null Ahnung, was es bedeutet alleine für die Kinder zu sorgen!


Brainstorming: einen Full-Time-Job haben, Eltern-Schulgespräche führen, an Schulfesten mitwirken, im Verein Präsenz zeigen, Hausaufgaben machen, den Haushalt schmeissen, Geburtstagseinladungen organisieren, Christkind sein, Weihnachten feiern, alle Vorbereitungen treffen, an alles denken, mehrere Terminkalender im Kopf haben, Versicherungen vergleichen, trösten, schlichten, beraten, fussballspielen, Waldhütten bauen, Hexen jagen, Monster vertreiben, Prinzessinnenkostüme nähen, den Osterhasen unterstützen, Räben schnitzen, Rechnungen zahlen, das Auto in die Werkstatt bringen, Steuererklärung ausfüllen, Ferien planen und alle Entscheidungen mit all ihren Konsequenzen alleine treffen. Diese ganze Verantwortung alleine zu tragen, Vater und Mutter in einem sein, ist eine unglaublich grosse Last, unter welcher ich manchmal fast zusammenbreche.


Eine Last, nicht vorübergehend oder planbar, sondern welche einem Tag und Nacht, 24 Stunden, 7 Tage die Woche, 365 Tage das ganze Jahr begleitet und einschränkt.

Und ja, im Job muss ich als alleinerziehende Mutter mindestens 100% leisten, da man ansonsten schubladisiert oder als überfordert eingestuft wird. So oft ertappe ich mich, wie ich inständig hoffe, dass die Kinder weder krank werden, noch sich etwas in die Nasen oder Ohren stecken oder in keine Schlägerei geraten, von welcher man sie ausserterminlich von der Schule abholen muss. Oberste Prämisse ist stets: Bloss keine unvorhergesehenen Absenzen! Diese goutieren weder das Team noch die Vorgesetzten. An Besuchstagen kann ich mich nicht mit dem Partner abwechseln, sondern gehe alleine, auch wenn dafür ein halber Ferientag draufgeht. Auch dass ich vor der eigentlichen Arbeit bereits zig Diskussionen über kurze Hosen im Winter, Regenstiefel im Hochsommer oder das Tragen von Mützen nach dem Schwimmunterricht mit den Kindern geführt habe, lächle ich mit Vorteil einfach weg, mache den Switch in die Berufswelt und agiere als Businessfrau in meinem Job. Über Mittag widme ich mich dem Sport und besorge das Abendessen. Nach dem beruflichen Feierabend fahre ich auf direktem Weg Heim, sodass ich das Abendessen zeitig auf dem Tisch habe.

Während das ausgewogene und stets abwechslungsreiche Znacht in der Pfanne brutzelt, unterstütze ich bei den Hausaufgaben oder kontrolliere, ob sich im Schulthek nicht noch ein angebissener Apfelschnitz tummelt, welcher beim wichtigen 10-Uhr-Pausen- Fussball-Match gegen die Parallelklasse nur abgelenkt und dann bestimmt noch zum Gegentor geführt hätte. Ein No-Go, mit Znüni in der Hand zu spielen, versteht sich hoffentlich auch bei den nicht- Fussballer/-innen. Beim Abendessen folgen die hitzigen Diskussionen über unfaire Hortleiter/-innen, fehlpfeifen der Turnlehrer/-innen, Jungs, welche sich absolut daneben benahmen, die Freundin, welche nun doch nicht den vereinbarten pinken Hasen-Pulli in der Schule trug oder die völlig ungerechten Klassenlehrer/-innen, welche immer die Falschen an die Reihe nehmen.


Von einem: «Wie war dein Tag“ oder

„Wie geht das Projekt voran»

bin ich noch Jahre von entfernt.


Nach der Gutenachtgeschichte und kuscheln wartet die Hausarbeit. Afterwork-Drink und chillen auf der Couch ist bei mir eher ein: Küche aufräumen, Wäsche falten, Vorbereitungen treffen oder Löcher in Hosen und Socken stopfen cool-down. Manchmal bin ich dermassen ausgelaugt, dass ich direkt mit den Kids ins Bett falle, auch wenn die Uhr erst kurz nach acht anzeigt.


Wenn mir die nette Bekannte nun an solch einem Tag verkündet, dass sie so gut wie Alleinerziehend“ ist, kann ich darüber schmunzeln, oder die Augenbrauen erstaunt hochziehen und ihr zunicken. Doch da gibt es auch die anderen Tage, an welchen ich den Weihnachtsbaum alleine abschmücke und die letzten vertrockneten Tannnadeln aus einer Ecke sauge, mit Fieber im Bett liege oder aufgrund einer Reorganisation in der Firma die Stelle verliere. An genau diesem Tag, liebe so gut wie Alleinerziehende, bin ich ebenfalls alleine. Mit der ganzen Last, mit der Verantwortung und allen Verpflichtungen. Der Schmerz brennt sich ein, die Batterien sind leer und ich muss weiter funktionieren. Da möchte ich in den Arm genommen werden und hören, dass alles gut ist, dass ich alles richtig mache und es bald wieder bergauf geht. Doch da ist niemand. Wie auch sonst nie jemand da ist. Und mir wird bewusst, wie alleine ich mich fühle, wie lange es her ist, seitdem ich mich das Mal Frau fühlte, oder ausgehen konnte. Und dann kann ich mich selbst als Kaffeetrinkerin über die Tatsache ärgern, dass mir nie jemand eine Tasse Tee macht.


Die eigenen Sorgen, bleiben verborgen. Zweifel und Wut verschwiegen. Die Rollenaufteilung; good cop, bad cop funktioniert nicht. Und wenn das Kind eine schlechte Note bringt, schimpfe oder tröste ich, und manchmal auch gleich beides zusammen, weil ich von meinen Emotionen überwältigt werde. Es gibt Situationen in welchen ich mich x-Mal hinterfrage, was nun das Richtige ist. Täglich bringe ich genügend Vertrauen, Kraft und Mut auf, weil ich für meine Kinder das Beste will und weiss, dass ich für niemanden sonst auf so vieles verzichten würde.


Nun frag ich Dich, liebe so gut wie Alleinerziehende, denkst du noch immer, dass Dich Dein mehr oder weniger bequeme oder oft abwesende Mann nur ansatzweise in die Situation bringt, dich als alleinerziehend zu beklagen?

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