Sorgerecht ist keine Sorgepflicht – Theorie und Praxis sind eben nicht das Gleiche

Bei einer Scheidung wird seit 2014 das gemeinsame Sorgerecht angewendet. Das Interesse des Kindes steht im Vordergrund: Weder der Bundesrat noch der Nationalrat wollen Vätern und Müttern, die das Besuchsrecht des anderen Elternteils vereiteln, Strafen androhen. Auch das umgekehrte Vergehen – die Vernachlässigung des vereinbarten Besuchsrechts – soll ohne Konsequenzen bleiben. https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Die-Tuecken-des-gemeinsamen-Sorgerechts/story/18673726


In der Realität tragen die Kinder mit dem sich kümmernden Elternteil das Leid.


Bitterkaltes Winterwochenende

„Sein“ Wochenende naht. Die Taschen stehen gepackt bei der Haustüre bereit, Hasi guckt lieb aus dem Rucksack und lächelt, die Kinder sitzen auf der Treppe und warten. Meine kleine Tochter freut sich besonders. Endlich kann sie Papi erzählen, was sie die vergangenen Wochen alles in der Kita erlebt hat. Wie sie mit Mami und ihrem grossen Bruder Kekse backen und verzieren durfte und wie gut sie das Samichlaussprüchli vorgetragen haben. Sie hält ihre selbstgemalte Zeichnung mit ihren warmen Patschehändchen fest. Bunte Herzen, Blumen und Sterne schmücken das Papier. Es ist nun genau halb sieben. Die Kirchenglocke schlägt. Er wird sicher gleich klingeln, versichere ich den beiden. Das Warten erhöht die Spannung. „Wann kommt er denn?“ tönt es aus dem Korridor. „Bestimmt wird er jeden Moment da sein“, versichere ich nochmals aus der Küche. Es ist zwischenzeitlich bereits viertel vor sieben. Um sieben wollte ich ebenfalls los. Ich habe ein Wellnesswochenende in Österreich gebucht. Winterspaziergänge, saunieren, entspannen und gutes Essen stehen auf meinem Plan. Die Massage habe ich bereits online gebucht, damit ich mir diese vor Ort auch wirklich gönne. Ich muss meine Batterien unbedingt laden. Mein Energiepegel steht auf Low.


Ich schreibe ihm eine Nachricht. „Wann kommst du?“ Minuten verstreichen. Die Nachricht wird nicht gelesen.

Ich rufe an. Keine Antwort.

Ich lass nochmals durchklingeln. Ich werde weggedrückt.


Man kann eben niemanden zwingen, Verantwortung zu übernehmen

Oh nein…! Ich ahne nichts Gutes. Wie sage ich bloss den Kindern, dass Papi einmal wieder nicht kommt. Einfach so, unbegründet, ohne Entschuldigung ohne Absage. Einfach weil er seine Prioritäten anders setzt.


„Lass uns noch etwas warten“, sage ich und verschaffe mir so etwas Zeit um eine „kindertaugliche“ Erklärung zu finden. Meine Emotionen will ich keinesfalls zeigen. Mein Sohn stampft bereits wütend und mit Tränen in den Augen die Treppe hoch in sein Zimmer und brüllt: “Ich habe es gewusst. Er kommt nicht. Er ist bestimmt mit seinen Kollegen unterwegs und feiert.“ Wumm, die Zimmertüre knallt. Ich stehe in der Küche, wische mir die Tränen aus den Augen, reisse mich zusammen und gehe zu meiner Tochter. Sie sitzt immer noch mit ihrer lustigen rosa Bärenmütze und ihren blinkenden Winterstiefeln auf der Treppe. Ihre grossen stahlblauen Augen sehen erwartungsvoll zu mir hoch. „Kommt Papi nicht?“ „Nein, mein Schatz, sage ich, er kommt wohl nicht mehr. Wahrscheinlich ist ihm etwas dazwischengekommen.“ Sie zuckt die Schultern, ihre zarten Lippen beginnen zu zittern. Grosse, dicke Tränen kullern ihr übers Gesicht. Und im Moment in welchem ich sie hochhebe, festhalte und an mich drücke, schüttelt es sie und bitteres, herzzerreissenden Weinen bricht aus ihr herraus. Minutenlang sitzen wir eng umschlungen da. Mein Shirt von ihren Tränen durchnässt. Ich streichle ihr durchs Haar und über ihren warmen Rücken, gebe ihr Zeit sich zu beruhigen. Der rosa Bär liegt nun am Boden und schaut neben Hasi im Rucksack immer noch lächelnd zu mir hoch. Ich halte sie fest an mich gedrückt. Versichere ihr, dass ich immer da sei und sie nie-niemals alleine lassen werde. Minuten verstreichen. Ich rieche ihr Haar, spüre ihren Herzschlag. Nachdem sie sich beruhigt hat trage ich sie hoch ins Zimmer zu ihrem Bruder. Auch er leidet. Er liegt in seinem Bett unter die Decke verkrochen. Er kocht. Er ist wütend. Und ich verstehe seine Wut nur zu gut. Ich sitze auf dem Bettrand und streiche ihm über den Kopf. Mit dem anderen Arm halte ich mein kleines Klebäffchen fest. Er dreht sich um und schnellt hoch. „Nie macht er was er soll. Er hält sich nicht an Abmachungen. Ich will nie mehr zu ihm. Ich hasse ihn!“ Ich strecke ihm meinen einen freien Arm entgegen und halte meine beiden Kinder fest bei mir, küsse ihnen den Kopf und verspreche, dass ich immer für sie da sein werde.


Und das werde ich. Trotz gemeinsamen Sorgerechts übernehme ich alle Pflichten und die ganze Verantwortung. Mich stört das nicht. Im Gegenteil. Ich liebe meine Kinder über alles und sie sind für mich das Grösste und Liebste. Alles was ich leiste, gehört für mich wie selbstverständlich zum Muttersein. Jedoch frage ich mich, warum ein Elternteil ein Sorgerecht erhält, wenn dieser den elterlichen Pflichten nicht nachkommt. Es darf nicht sein, dass die Kinder sich Hoffnungen machen und immer von neuem enttäuscht werden. Wenn jemand nicht will, dann kann man ihn nicht

zwingen. Und es ist meiner Ansicht nach auch nicht gut, wenn die Kinder ein Wochenende oder

Ferien mit jemandem verbringen müssten, welcher sich nicht aufrichtig um sie kümmert.

Natürlich konnte ich mein Wochenende nicht mehr stornieren und musste die volle Reservation bezahlen. Ja, das ist „nur“ ein finanzieller Schaden, richtig. Trotzdem reut es mich. Denn mit diesem Geld hätte ich mit den Kindern etwas Schönes unternehmen können. Und ich frage mich, nach Jahren nicht eingehaltenen Papi-Wochenenden und nicht eingehaltenen Papi-Ferien, warum muss ich für all diese Zusatzkosten immer alleine aufkommen? Wo sind meine Rechte als Mutter? Und warum werden von mir als Mutter alle Pflichten, welche wir doch „gemeinsam“ haben, alleine und im Stillschweigen erwartet?


Für ein stehengelassenes Fahrzeug bekommt man ruckzuck einen Strafzettel. Bedenklich, dass man für mehrfach stehengelassene Kinder vor Gericht ein Sorgerecht erhält.





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