Geschlagen, gedemütigt, missbraucht

Häusliche Gewalt macht das eigene Heim zur Hölle. In jedem zweiten Fall schauen Kinder zu.

Alle zwei Wochen gibt es in der Schweiz einen Frauenmord, und jede fünfte Frau ist betroffen von sexuellen Übergriffen. 15-mal pro Tag rücke die Kantonspolizei Zürich durchschnittlich wegen häuslicher Gewalt aus, sagte Sicherheitsdirektor Mario Fehr im August 2019 dem «Tages-Anzeiger». Das sind knapp 5300 Einsätze im Jahr, wobei es sich in über 80 Prozent der Fälle um Gewalt gegen Frauen handelt.


Das sind die Fakten hier in der Schweiz. Sie erschrecken mich, machen mich traurig und haben mich dazu bewegt, diesen Beitrag zu schreiben.


Dennoch sind diese Zahlen nur die Spitze des Eisbergs: Die Dunkelziffer ist schockierend. Viele Opfer schweigen, weil sie Angst haben. Zum einen vor dem Täter, aber auch vor der Verurteilung durch das Umfeld, das ihnen oft das Gefühl vermittelt, sie seien selbst mitverantwortlich für das Dilemma, weil sie sich für den falschen Partner entschieden oder durch ihr Verhalten seinen Gewaltausbruch provoziert hätten.


«Versuche ihn zu verstehen!»

Zudem gibt es auch heute immer noch Menschen (Eltern, Freunde, Familienmitglieder), welche mit Aussagen wie: «Er hat es streng und steht unter Druck. Versuche ihn zu verstehen. Verhalte dich ruhiger, fordere weniger!», den Schläger schützen, um das Familienbild zu wahren. Und in den meisten Fällen schweigt das Opfer und leidet still.


Mit jeder physischen und psychischen Erniedrigung bröckelt das Selbstvertrauen des Opfers und damit auch die Liebe und Achtung vor sich selbst. Die Fehler und Ursache der Gewalt suchen viele Geschlagene und Gedemütigte bei sich selbst. Sie versuchen mit aller Kraft, die Familie aufrechtzuerhalten, geraten in Not und verharren in Resignation und Zerstörung.


Der Teufelskreis beginnt

Selten bleibt es bei einer Ohrfeige. Ist die Grenze einmal überschritten, passieren häufig weitere «Ausrutscher». Zur körperlichen Gewalt kommen verbale Erniedrigungen, welche mindestens genauso schmerzen wie die physischen Verletzungen. Das Opfer entwickelt ein Sensorium für brenzlige Situationen und versucht, diesen aus dem Weg zu gehen.


Eine typische Situation: Sie* weiss, was ihn verärgert und wo Vorsicht geboten ist. Doch genau durch dieses Verhalten gewinnt der Täter an Macht. Sie verschlimmert mit ihrer «Liebe» und der harmoniesuchenden Art das Problem und gewährt ihm, sie schlecht zu behandeln. Er* sieht seinen Fehler vielleicht kurzfristig ein, beteuert Besserung, fällt aber bei der nächsten Situation sofort in sein Muster zurück und bedient sich der Gewalt als Mittel, um Macht und Kontrolle über seine Partnerin zu gewinnen.


Warum bleibt sie?

Es gibt zahlreiche Gründe, die Frauen und vor allem Mütter dazu veranlassen, in gewalttätigen Familienkonstellationen zu verharren. Sie selbst sorgen mit noch mehr Aufmerksamkeiten und Verständnis für eine kurzfristige Verbesserung der Stimmung. Schweigen in den richtigen Momenten oder erdulden sexuelle Nötigung. Aber mit jedem Mal verlieren sie ein Stück Selbstvertrauen und Würde. Der Täter hingegen erhält immer mehr Kontrolle über das Opfer.


Frauen in gewalttätigen Familienkonstrukten befinden sich meist in mehreren Abhängigkeiten. Diese sind sowohl emotionaler als auch finanzieller Natur. Es gibt selbst in Beziehungen, in denen ein Partner gewalttätig ist, noch immer Momente, in denen die Liebe, mit der alles begann, die Oberhand gewinnt. Er* sieht sein Vergehen ein und verspricht Besserung. Sie* glaubt ihm, weil sie selbst daran glauben will, und bleibt.


Sind gemeinsame Kinder vorhanden, fällt es der Frau noch schwerer die Familie zu «zerstören». Vielen fehlt schlicht der Mut, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, weil sie Angst vor Versagen oder Armut haben. Hinzu kommt, dass das Problem auch nach einer Trennung nicht einfach gelöst ist. Häufig werden die Opfer von ihren ehemaligen Partnern heimgesucht und belästigt, erniedrigt, bedroht oder erpresst. Die stete Angst, der «Ex» könnte einem etwas antun oder die Kinder wegnehmen, bleibt bestehen oder wird gar erhöht.


Der Schritt in die Freiheit

Es braucht enorm viel Courage und Kraft, den Schritt zum eigenen Leben zu wagen und sich aus einer toxischen Beziehung zu befreien. Viele Frauen stehen erst einmal vor dem Nichts. Sie kennen weder ihre Rechte noch ihre finanziellen Möglichkeiten. Sie fragen sich: Was wird mit den Kindern, was bedeutet meine Trennung für die Familie, für die Freunde, die Schule?


Alle werden davon erfahren und darüber diskutieren, wer denn nun wirklich Schuld hat. Sie müssen dementsprechend äusserst konsequent bleiben und das Ziel des «Zurückholens des eigenen Lebens» vor Augen behalten. Sich vor Tuscheleien und Unverständnis schützen. Denn jetzt folgen Einsamkeit, Schuldgefühle und Selbstvorwürfe, welche man in Schach halten muss, um das neue Leben aufzubauen.


So können wir helfen

Genau hier sind wir gefordert, nicht zu verurteilen, sondern unsere Hand zu reichen. Wir müssen unsere Schwestern, Töchter, Freundinnen, Arbeitskolleginnen, Mitschülerinnen und Nachbarinnen auf ihre blauen Flecken ansprechen und ihnen unsere Unterstützung anbieten. Anstatt von «Beziehungs- oder Eifersuchtsdramen» zu sprechen, sollten wir diese Delikte als das benennen, was sie sind: Gewalt gegen Frauen.


Wir müssen genauer hinschauen, um das Grauen, das sich hinter der Haustür verbirgt, zu stoppen. Jedes Warnsignal kann eine Vorstufe sein für noch Schlimmeres. Melden Sie sich bei Verdacht (auch anonym) bei der Beratungsstelle für Frauen, oder alarmieren Sie im Notfall die Polizei.


* Ich widme diesen Beitrag allen Opfern; Männern und Frauen, Mädchen und Buben, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Dieser Bericht ist aus der Sicht einer Frau geschrieben, darum wird durchgängig die weibliche Form verwendet. 


Kontakte und Unterlagen

Beratungsstelle für Frauen gegen Gewalt in Ehe und Partnerschaft (BIF): Tel. 044 278 99 99

BIF-Onlineberatung (kostenlos und vertraulich)

BIF-Infomaterial & Merkblätter in 16 Sprachen

Interventionsstelle gegen Häusliche Gewalt der Kantonspolizei Zürich

Beratung für Männer in Konflikt- oder Krisensituation (auf Wunsch anonym)




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