Unperfekte Mama? Perfekt!

Ich bin die perfekte Mutter! Glauben Sie nicht? Ich auch nicht. Meine Kinder aber sind davon überzeugt – und das ist perfekt.


Ich sehe mich selber als eine kreative Perfektionistin: Ich mache, was zu tun ist. Unermüdlich, proaktiv, engagiert und manchmal etwas überdiszipliniert. Und das zeigt bereits, wie viele Facetten die Perfektion mit sich bringt und wie individuell sie sein kann.


Woher aber kommt dieses Verlangen nach Perfektionismus überhaupt und warum wollen wir immer noch mehr, noch schneller und noch besser? Jeder Mensch strebt von Natur aus nach Erfolg und Anerkennung. Das ist zum einen überlebenswichtig, zum anderen füttern wir damit unser Ego. Unsere ersten Ziele stecken wir uns unbewusst, bereits kurz nach der Geburt. Und irgendwann können wir uns fortbewegen, schneller springen, höher klettern und werden vielleicht zur besten Athletin der Klasse. Bilanz: Wir erhalten Respekt, Lob und gewinnen neue Freunde. Das süsse Gefühl, für seine Leistungen bewundert zu werden, kann süchtig machen, und darum wollen wir es immer wieder erleben. In verschiedenen Bereichen, unterschiedlichen Situationen und von diversen Publika.


Bye-bye, Perfektion!

Aber zurück zum „Muttersein“. Die Funktion Mutter hat in den letzten fünfzig Jahren an so vielen Aufgabenbereichen gewonnen, wie wohl keine andere Stellenbeschreibung. Plötzlich führen wir nebst der Erziehung der Kinder und dem Haushalt auch noch Projekte oder ganze Teams, müssen Geld verdienen, begleiten und unterstützen die Kinder an wichtige Sport- und Freizeitanlässe, haben eigene Hobbies und einen hippen Live Style, den es zu managen gilt. Dass wir mit unseren Smartphones immer erreichbar und überall aktiv sind, trägt auch nicht gerade zu einem entspannten Alltag bei. Somit wird schnell klar, dass uns bei gleicher Stundenzahl pro Tag weniger Zeit für die einzelnen Aufgabenbereiche bleibt und wir folge dessen entweder dreimal so schnell sein, oder uns von unserer Perfektion verabschieden müssen.


Gefährlich wird es dann, wenn die bestrebten Perfektionisten in allen Bereichen ganz oben mit dabei sein wollen. Für diese Menschen gibt es zwei Stolpersteine: Zum einen fällt es ihnen schwer, sich Hilfe zu holen oder um Hilfe zu bitten. Zum anderen ist es für sie nicht leicht, die eigenen Ansprüche runterzuschrauben. Und das, liebe Perfektions-Mamas und -Papas, müssen wir dringend lernen! Es ist an uns, Grenzen zu ziehen und nicht überall in der Top League mitspielen zu wollen. Wir selbst müssen unsere Ansprüche reflektieren und an einem gesunden Selbstwertgefühl arbeiten, statt permanent die Grenzen zu überschreiten und ans Limit zu gehen.


Priorisieren heisst das Zauberwort

Auch ich muss mich immer wieder an der eigenen Nase nehmen, meine mich stets antreibende Disziplin und meinen Gewinnerinstinkt zu zügeln, und stattdessen einfach mal durchatmen und die Seele baumeln lassen. Die Küche nur zu 90% aufräumen und die Pfanne erst mal einweichen lassen wären ein kleiner Anfang. Wir gewinnen mit unserem perfekt getrimmten Garten nämlich mit hoher Wahrscheinlichkeit eh an keinem Vorstadt-Wettbewerb. Stattdessen sollten wir lieber mit den Kindern zusammen Tomaten pflanzen, die schönen Blumen geniessen und die feinen Beeren ernten. Selbstverständlich wäre es toll, wenn die eigene Wohnung jederzeit für den Inspirationsblog „Sweet Home“ abgelichtet werden könnte. Doch sind wir ehrlich: Wenn wir gemeinsam Geschichten lesen, Uno spielen oder Bilder malen, brauchen wir nun wirklich keinen Fotografen in unserem Wohnzimmer!


Priorisieren heisst das Zauberwort. Bei der Erziehung der Kinder sollten keine Abstriche gemacht werden, im Beruf sind wir ebenfalls verpflichtet 100 Prozent zu geben. Doch ob die Wohnung nun täglich gesaugt wird, oder nur nach Bedarf, die Bettwäsche gebügelt wird, oder einfach glattgezogen, das spielt nun wirklich keine Rolle! Es darf auch mal was stehenbleiben. Denn in einer Familie ist immer was los, das darf man ruhig sehen. Bei uns bleiben Buntstifte und Schreibblöcke oftmals liegen, und wenn wir den ganzen Tag ausser Haus sind, stört das auch bestimmt niemanden. Das Spülbecken ist nicht striemenfrei nachgerieben, sondern einfach sauber. Zwar perlen sich die Wassertropfen nicht so schön ab, doch dafür bleibt mehr Zeit zum Kuscheln mit den Kindern.


Liebe PerfektionistInnen

Unsere Kinder brauchen vor allem ein gutes Vorbild. Sie brauchen Liebe, Zeit, Verständnis, Aufgaben und nicht zuletzt Regeln.


Sehen wir doch ein, dass wir nicht allen gefallen müssen und klopfen wir uns ruhig öfter mal selber auf die Schulter. Anstatt ständig der Perfektion hinterher zu hetzen, sollten wir lieber Zeit mit unseren Liebsten verbringen, gemeinsam spielen, den Wald durchstreifen und miteinander lachen. Wichtiger als ein gebügeltes T-Shirt ist für die Kinder, dass man auf ihre Bedürfnisse eingeht und ihnen Geborgenheit schenkt, Traditionen weitergibt und sie dabei unterstützt, erwachsen zu werden. Mutter sein bedeutet für mich, mein Kind auf das Leben vorzubereiten und seine Persönlichkeit zu respektieren.


Was sagen unsere Kinder

Mich hat interessiert, wie sich unsere Kinder die "Perfekte Mama" vorstellen. Und siehe da, unsere Sprösslinge waren sich unabhängig voneinander sehr einig, dass sie sich vor allem viel gemeinsame Zeit wünschen. Sei es fürs gemeinsame kochen, spielen, wandern oder spörteln. Sie wünschen sich Erlebnisse; Zeit mit der Familie.


In der folgenden Visualisierung* können Sie sehen, wie sich die Kinder die perfekte Mami vorstellen. Von regellos und bereits Schokolade zum Frühstück sind wir übrigens weit entfernt!




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